Mein Weg zur emotionalen Selbstführung – von Andreas Eilers

Selbstwertprobleme als häufigste Blockade zur emotionalen Selbstführung

Wenn es ausschließlich um das Thema „Selbstführung“ ginge, kann ich von mir persönlich durchaus sagen, dass ich bisher sehr erfolgreich war. Schließlich habe ich viele meiner selbst gesetzten Ziele erreicht. Wenn man Selbstführung und Erfolg nun aber allein an den grünen Häkchen der To-Do-Liste festmachen würde, dann wäre der Beitrag jetzt schon zu Ende. So einfach ist es aber leider nicht.

Denn trotz des äußerlichen Erfolges gab es bei mir immer wieder sehr unangenehme Situationen, in denen ich mich innerlich deutlich weniger „im Griff“ hatte, als ich nach außen für viele wirkte: ein kritischer Kommentar im Meeting – und plötzlich wird meine Stimme schärfer. Ein Konflikt bahnt sich an – und mein Kopf findet in Millisekunden zehn gute Gründe, warum „jetzt gerade“ kein guter Zeitpunkt ist, diesen Konflikt anzusprechen. Oder dieser typische Gedanke, obwohl objektiv alles läuft: „Wenn ich jetzt einen Fehler mache, sehen alle, dass ich gar nicht so kompetent bin, und dann lachen sie mich aus und lehnen mich ab.“ – Dieser eine kurze und meistens unbewusste Gedanke „Die anderen denken; ich bin ein Dilettant und Menschen mit mangelnder Fachkenntnis sind „weniger Wert“ führten bei mir in diesen typischen Situationen direkt zur lähmenden Angst vor der drohenden Abwertung anderer. Und wenn mir der vermeintliche Fehler dann aus meiner Sicht tatsächlich passiert ist, kam direkt und ohne Vorwarnung die Scham, die meistens mit einem erröteten Gesicht und schnelleren Herzschlag einherging. 

Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass es sich hierbei um lösbare und in unserer Kultur weit verbreitenden Selbstwertprobleme handelte. Durch viele Gespräche mit Vertrauten aber auch durch meine Tätigkeit als Führungskräfte Coach wusste ich aber; das Problem ist nicht fehlendes Wissen – das Problem ist bei vielen meiner Klienten, genauso wie es bei mir der Fall war, fehlendes Können, also die mangelnde Fähigkeit zur emotionalen Selbstführung, die entscheidend dafür ist eigene unangenehme Emotionen frühzeitig zu erkennen und in Richtung der eigenen Ziele und Werte zu lenken, anstatt von ihnen – meist unbewusst – fremdgesteuert zu werden. 

Aufgrund meiner eigenen Probleme wollte ich dann ein tieferes Verständnis dafür bekommen, was die Ursachen für meine unangenehmen Emotionen sind und wie ich meine Probleme am besten und schnellsten lösen kann. Aufgrund der Empfehlung meines lieben Kollegen Eric Quast habe ich dann beim Gesundheitsamt des Landkreises Oldenburg die staatliche Überprüfung zum Heilpraktiker für Psychotherapie abgelegt und in diesem Zuge parallel die Ausbildung zum Kognitiven Verhaltenstherapeuten am Hamburger Institut für Integrative Verhaltenstherapie (IVT) absolviert. Dort bin ich tief in die Integrative Kognitive Verhaltenstherapie (I-KVT) eingetaucht: ein Ansatz, der die klassische KVT weiterentwickelt hat und sehr präzise zeigt, wie emotionale Probleme entstehen – und wie man sie nachhaltig verändern kann. Für mich persönlich ein absoluter Game Changer. 

Die Erkenntnis lag in einer philosophischen Gesetzmäßigkeit   

Was mich an der integrativen kognitiven Verhaltenstherapie so begeistert hat, ist ihr Fundament. Die I-KVT ist nicht nur eine Methode, sondern sie wirkt aufgrund einer speziellen Haltung – und die ist erstaunlich alt und geht auf den Stoiker Epiktet zurück. Der unterscheidet sinngemäß zwischen Dingen, die in unserer Kontrolle liegen – und Dingen, die es nicht tun. In unserer Kontrolle liegen z.B. nicht die Ereignisse im Außen oder eben die Meinungen, Geschmäcker, Werte oder Glaubenssätze anderer. Hier habe ich die äußere Freiheit Umstände so zu akzeptieren, wie sie halt sind. Wenn mich also mal wieder jemand kritisiert (was nicht selten vorkommt) dann habe ich natürlich die Freiheit stoisch gelassen zu reagieren. Meinungen, Geschmäcker und Vorlieben dürfen unterschiedlich sein – und das ist auch gut so. Und wenn es mal wieder nicht so läuft, wie ich es gerne hätte, dann erinnere ich mich an meine Kölner Freunde, die jene Philosophie eh schon verinnerlicht haben: „Et kütt, wie et kütt“. 

Das Einzige, was wir indes wirklich unter unserer Kontrolle haben, sind unsere eigenen Entscheidungen, unsere eigenen Ziele und vor allem unsere eigenen Bewertungen über jene Situationen, in denen wir uns gerade befinden. Das ist meine innere Freiheit, die mir tatsächlich niemand nehmen kann. Und in den Worten von Paul Watzlawick ausgedrückt; wir kennen den Unterschied zwischen der Wirklichkeit 1. Ordnung: das Beobachtbare, das Messbare (wer hat was gesagt, was ist konkret passiert) und der Wirklichkeit 2. Ordnung: die Bewertung, die wir dem Ganzen geben. Während wir das Außen, also die Wirklichkeit 1. Ordnung, nicht gottesgleich kontrollieren und bestimmen können, liegt es aber in unserer Macht, wie wir dieses Geschehen im Außen für uns innerlich bewerten.

Und genau hier beginnt die emotionale Selbstführung.

Warum ist das so wichtig? Weil Führungskräfte selten an der Wirklichkeit 1. Ordnung scheitern. Sie scheitern an ihren dysfunktionalen Denkkonzepten, an der Wirklichkeit 2. Ordnung, die im Kopf entsteht: „Das war respektlos.“ – „Ich darf mir keinen Fehler erlauben.“ – „Wenn ich Nein sage, bin ich unbeliebt. Und ich muss beliebt sein.“ – „Ich muss perfekt sein.“ – „Ich muss für alle Mitarbeitenden da sein.“ – „Alle Ergebnisse liegen allein in meiner Verantwortung.“ – „Das muss ich alles selber machen.“ – „Das darf so nicht sein!“ 

Und hier setzt die I-KVT extrem wirksam an: Sie macht innere Denkkonzepte sichtbar – und damit veränderbar. Ein Kernprinzip der I-KVT lautet: Nicht die Situation macht das Gefühl – sondern das Denken über die Situation. Genauer: Entscheidend ist die Bewertung und das daraus resultierende Gefühl, welches dann zu einem bestimmten Verhalten führt. 

Ein paar Alltagsbeispiele aus dem Führungskontext:

Beispiel 1: Kritik im Meeting

  • Situation: Ein Kollege sagt: „Das Konzept überzeugt mich noch nicht.“
  • (Dysfunktionale) Bewertung: „Ich muss vor meinen Kollegen immer kompetent rüberkommen. Meine Leistung muss immer perfekt sein. Weil das Konzept nicht perfekt ist, bin ich weniger Wert. Das ist mir peinlich.“ 
  • Gefühl: Scham 
  • Verhalten: Rechtfertigen, defensiv werden, Rückzug oder Angriff

Alternative, funktionale Bewertung:

  • Situation: Ein Kollege sagt: „Das Konzept überzeugt mich noch nicht.“
  • (Funktionale) Bewertung: „Der Kollege sagt mir seine Meinung zu dem Konzept. Diese zusätzlichen Informationen kann ich bei Bedarf für mich nutzen, um mein Ziel, ein gutes Konzept zu schreiben, zu erreichen. Das ist toll.“
  • Gefühl: Zufriedenheit
  • Verhalten: Fragen stellen, klären, ggf. iterieren

Die Magie liegt also nicht im aktuellen Hype des positiven Denkens. Sie liegt im angemessenen Denken: basierend auf den eigenen Werten und den eigenen Zielen, realitätsnah und ohne Wunschdenken. 

Bei psychischem Leiden betrachtet die I-KVT drei Ursachen

In der I-KVT wird häufig an drei großen Ursachenclustern gearbeitet, die in der Praxis enorm viel erklären:

  1. Selbstwertprobleme
  2. Frustrationsintoleranzprobleme
  3. Existenzielle Probleme (Gedanken über unsere eigene Endlichkeit)

Für mich persönlich und innerhalb der Arbeit mit meinen Klienten sind vor allem die Selbstwert- und Frustrationsintoleranzprobleme zentrale Arbeitsfelder. 

Die klassischen dysfunktionalen Denkkonzepte, die ich bei mir selbst wahrgenommen habe und die mir Führungskräfte immer wieder schildern, sind unter anderem: 

  • Angst vor Konflikten,
  • zu starkes Bedürfnis nach Zustimmung,
  • Perfektionismus,
  • Vermeidungsverhalten,
  • impulsive Reaktionen unter Stress sowie
  • Selbstzweifel trotz hoher Kompetenz.

Und wieder: Diese Muster sind fast nie wirklich so gewollt und bewusst gesteuert. Es sind gelernte Konzepte, die meistens unter Druck automatisch anspringen und zu unangenehmen Emotionen wie Angst, Scham oder Wut führen. 

Wie ich Führungskräften helfe: Dysfunktionale Konzepte identifizieren, prüfen, ersetzen und einüben 

Nach den obligatorischen Schritten wie der Auftragsklärung, der Analyse von individuellen Zielen, Werten und Normen sowie der Entwicklung eines gemeinsamen Verständnisses über das kognitive Modell zum Entstehen und Steuern von Emotionen, helfe ich meinen Klienten häufig in 4 klaren Schritten:

1) Dysfunktionale Konzepte und Denkstile identifizieren

Wir rekonstruieren typische Situationen und schauen uns dazu das kognitive System an: Wie wird die Situation selbst interpretiert? Welche Perspektive gibt es auf die Situation? Welche Schlussfolgerungen? Welche Bewertungen? Welche Coping-Strategien gibt es? (z. B. Vermeiden, Rechtfertigen, Rückzug, Angriff oder Pleasing – also sich so anpassen, dass sich die anderen gut fühlen) Welche Emotion und welches Verhalten resultiert daraus? Wie lautet das Ziel-Gefühl und wie das Ziel-Verhalten?

2) Konzepte auf Angemessenheit und Funktionalität prüfen

Die Kernfragen sind dabei oft überraschend simpel – und gleichzeitig unbequem:

  • Sind die Gedanken realistisch? 
  • Sind die Gedanken logisch?
  • Passen die Gedanken zu den eignen Werten und Zielen?
  • Helfen die Gedanken, die Person zu sein, die man in der Rolle als Führungskraft sein möchte?

3) Neue funktionale Konzepte erstellen

In diesem Schritt unterstütze ich Führungskräfte dabei neue funktionale Denkkonzepte zu entwickeln. Nicht als „Mantra“, sondern als tragfähige Denkweise, die unter Stress standhält.  

Ohne Übung keine Veränderung: in sensu & in vivo

4) Neue funktionale Konzepte üben, üben und… üben (in sensu & in vivo)

Ein Punkt, der gern unterschätzt wird: Neue Denkkonzepte sind wie alle neuen Gewohnheiten. Du kannst sie kognitiv absolut verstehen (zu viele Chips abends auf dem Sofa sind ungesund) – und trotzdem fällst du im Stress in das alte Muster zurück. Es gilt also der Satz: „Übung macht den Meister.“ 

Deshalb gehört zur I-KVT (und zu guter emotionaler Selbstführung) immer auch viel Übung:

  • in sensu: im Kopf, mit Vorstellung, Rollenspiel, gedanklicher Exposition
  • in vivo: im echten Leben, im echten Kontext, mit echten Emotionen

Mein eigenes Beispiel: wie ich gelernt habe meinen Selbstwert von der Situation zu entkoppeln

Ein zentrales Thema bei mir waren, wie bereits beschrieben, Selbstwertprobleme. Ich habe für mich im Rahmen der Ausbildung zum kognitiven Verhaltenstherapeuten ein neues Konzept formuliert, das sich erstmal fast philosophisch anhört – aber mich persönlich enorm entlastet hat:

„Mein Selbstwert ist nicht sinnvoll pauschal bestimmbar.“

Klingt abstrakt – wird aber dann real, wenn man es tatsächlich selbst erlebt. 

Also habe ich mir für die praktische Übung (in vivo) ein Drehbuch geschrieben, in dem Bewusstsein, dass es mein altes System garantiert „triggert“: „Ich laufe in Hamburg zur U-Bahn-Station Farmsen und setze mich mit meiner akustischen Gitarre auf den Boden. Ich stimme die Gitarre absichtlich nicht. Dann stelle ich einen Pappbecher vor mich sowie ein Schild, auf dem steht: „BITTE NUR SCHEINE“. Danach fange ich direkt an auf der Gitarre das Lied von den Prinzen Millionär zu spielen und zu singen, obwohl ich es noch nie geübt habe. Bemerke ich mein altes Selbstwert-Konzept, mache ich einen „Gedankenstopp“ und erinnere mich bewusst an mein neues Konzept – „Mein Selbstwert ist nicht sinnvoll pauschal bestimmbar.“ 


Der Punkt war nicht einen auf Comedystreet zu machen – Ich liebe Simon Gosejohann, darum fiel mir dieser Aspekt besonders schwer. Der Punkt und gleichermaßen Lernmoment war: Ablehnung erleben, ohne sie an meinen Selbstwert zu knüpfen.
Nicht theoretisch, sondern körperlich. Mit Erröten & Herzklopfen. Mit strengen, abfälligen und spöttischen Blicken. Mit inneren Kommentaren. Und dann: sitzen bleiben, atmen, Gedankenstopps einlegen und merken: Alles ist gut. Ich bin nicht „weniger“ oder „mehr“ Wert. Sondern: Mein Wert als Menschen kann ohnehin nicht sinnvoll pauschal bestimmt werden. Es ist nur eine Situation im Außen. Und eine Bedeutung, die ich gemäß Epiktet selbst frei wählen kann.

Emotionale Selbstführung ist die Schlüsselkompetenz im 21. Jahrhundert

Wer gelernt hat sich selbst emotional zu führen, kann:

  • Konflikte klarer erkennen und lösen,
  • Grenzen setzen, ohne hart zu werden,
  • die eigenen Ziele stringent verfolgen, 
  • Kritik nutzen, ohne sich selbst oder andere zu entwerten,
  • unter Druck handlungsfähig bleiben,
  • Verantwortung tragen, ohne innerlich auszubrennen.

Unser Angebot: Das Training sowie das Retreat „Emotionale Selbstführung“

Genau aus dieser Logik heraus haben wir bei Open Agile das 2-Tage-Training in Bremen sowie das 5-Tage-Retreat in Hamburg „Emotionale Selbstführung“ entwickelt – als intensiven Lern- und Übungsraum, in dem es nicht nur um Erkenntnis geht, sondern um echte Veränderung.

Während wir im Training vermehrt aufklären, arbeiten wir im Retreat ganz konkret mit:

  • der Wirklichkeit 1. & 2. Ordnung sowie der inneren und äußeren Freiheit,
  • dem kognitiven Modell der Emotionsentstehung (I-KVT),
  • Denkverzerrungen, Bewertungs-Gefühls-Logik und SKRZ-Modellen,
  • Disputation dysfunktionaler Muster und Aufbau funktionaler Konzepte sowie
  • dem Einüben der neuen Konzepte in sensu & in vivo.

Ort und Rahmen sind bewusst so gewählt, dass Lernen und genügend Raum zur Reflexion zusammengehen (Treudelberg Resort Hamburg, vom 26. bis 30. Oktober 2026, Retreat-Setting).  

Schlussgedanke

Wenn ich aus meiner Selbsterfahrung mit der I-KVT eine Essenz mitnehme, dann diese: Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Gedanke. Eine Bewertung. Ein gelerntes Denkkonzept.

Und genau dort beginnt Freiheit – die Freiheit, die wir als Führungskräfte und Mitarbeitende mit Verantwortung heute dringender brauchen als je zuvor. 

Wenn du das Thema vertiefen willst: Das Training, genauso wie das Retreat ist dafür der intensivste und vielleicht schnellste Weg sich der emotionalen Selbstführung zu nähern.

Mein Angebot für dich: Lass’ uns gerne persönlich darüber reden, ob die Teilnahme am Training oder am Retreat für dich sinnvoll ist. Vielleicht ist auch ein persönliches Führungskräfte Coaching für dich interessant?

Dafür kannst du dir hier kostenlos und unverbindlich einen Termin bei mir im Kalender buchen.

Alles Gute wünscht dir
Andreas Eilers

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